Ungewöhnliche Nahrungsmittelallergien
Hilfe! Schnecken in meinem Essen
Zuerst sollte
man die Tiere einige Tage hungern lassen, damit sich der Darm
vollständig entleert. Anschließend muss man sie gründlich
waschen, in kochendes Wasser werfen und fünf Minuten
blanchieren. Feinschmecker genießen Schnecken dann gerne mit
Baguette und Knoblauchbutter oder im Weißweinsud. Sie loben
das angenehm feste Fleisch, das in seiner Konsistenz an Herz
oder Leber erinnert, und verweisen auf den hohen
Proteingehalt.
Was
Milben und Schnecken gemeinsam haben
Viele andere
Menschen finden dagegen schon die Vorstellung, Schnecken zu
essen ziemlich eklig und machen um „Weinbergschnecken auf
Burgunder Art“ oder „Rindslende mit Weinbergschnecken“
einen weiten Bogen. Manche Hausstaubmilbenallergiker gehen den
Tieren aus einem anderen Grund aus dem Weg, zumindest auf
ihrem Teller. Sie bekommen nach dem Genuss von Schnecken,
speziell von Helix
aspera, einer Weinbergschnecken-Art, Schnupfen, Juckreiz
und Luftnot. Sogar ein lebensgefährlicher allergischer Schock
ist nicht ausgeschlossen. Ursache der Beschwerden: Helix aspera und Hausstaubmilben haben mehr gemeinsam als man denkt.
Bestimmte Eiweißstrukturen im Milbenkot und in den Schnecken
sind sich sehr ähnlich.1 Dadurch kann es zu so
genannten Kreuzallergien kommen, das heißt, das Immunsystem
reagiert sowohl auf Milbenkot als auch auf die Schnecken überempfindlich.
Oft betrifft die Kreuzallergie nicht nur Helix
aspera, sondern auch andere Schneckenarten, Muscheln und
Krebstiere wie Shrimps und Garnelen. Deren Allergene sind
ebenfalls mit dem der Hausstaubmilbe verwandt. Die Beschwerden
können schon nach dem ersten Verzehr von Weich- oder
Krebstieren auftreten. Weil das Immunsystem bereits auf
Hausstaubmilben allergisch „gepolt“ ist, muss es die
Allergene der Weich- und Schalentiere nicht erst kennen
lernen, um gegen sie zu reagieren.
Bratwurst-Liebhaber
aufgepasst
Wer jetzt hämisch
auf die dekadenten Gourmets zeigt, sollte vorsichtig sein.
Auch für die Bratwurst-Fraktion unter den Allergikern gibt es
Neuigkeiten. Spanische Allergieforscher machten Anfang des
Jahres auf das „Senf-Beifuß-Syndrom“ aufmerksam.2
Sie hatten 38 Patienten untersucht, die nach dem Verzehr von
Senf allergische Beschwerden entwickelt hatten, und
ausgetestet, ob die Studienteilnehmer auch auf andere
Substanzen reagierten. Ergebnis: Bei fast allen
Studienteilnehmern bestand zusätzlich eine Überempfindlichkeit
auf Beifuß-Pollen. Allergien gegen die Pollen von Beifuß
sind in Mitteleuropa relativ weit verbreitet, die
Kreuzallergie zwischen Beifuß und Senf war bisher aber
unbekannt. Man wusste lediglich, dass viele Beifuß-Allergiker
Gemüsesorten wie Sellerie, Mohrrüben und Paprika sowie
verschiedene Gewürze nicht vertragen.
Zuverlässige
Diagnostik nur durch den Experten möglich
Während Überempfindlichkeitsreaktionen
gegen Schnecken oder Senf insgesamt selten sind, haben andere
Kreuzallergien enorme Bedeutung. Viele Menschen, die auf
Pollen früh blühender Bäume wie Birke und Haselnuss
allergisch reagieren, bekommen zum Beispiel nach dem Verzehr
von Äpfeln oder Nüssen Beschwerden. „Bei den meisten
Nahrungsmittelallergien handelt es sich um Kreuzallergien“,
sagt dazu Professor Dr. Gerhard Schultze-Werninghaus, Präsident
der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und Klinische
Immunologie (DGAKI). Er empfiehlt Menschen, die bestimmte
Lebensmittel nicht vertragen, sich auch von einem
allergologisch geschulten Facharzt untersuchen zu lassen.
Professor Schultze-Werninghaus: „Nur der Experte kann durch
eine gezielte Anamnese und spezielle Untersuchungen eindeutig
herausfinden ob eine Allergie vorliegt und wenn ja, gegen
welche Substanzen sie sich richtet. Das ist die Voraussetzung,
um einen sinnvollen Diätplan aufzustellen, der die gefährlichen
Lebensmittel konsequent vermeidet, gleichzeitig aber keinen
unnötigen Verzicht verlangt oder gar zu einer Mangelernährung
führt.“ In schweren Fällen sollten
Nahrungsmittelallergiker ein Notfallset bei sich tragen, um
einen lebensgefährlichen allergischen Schock zu verhindern.
Dieses Set enthält ein antiallergisch wirkendes Medikament,
ein Kortison-Präparat und eine Fertigspritze mit Adrenalin.
„Ein solches Notfallset kann – eine ausreichende Schulung
der Patienten vorausgesetzt – Leben retten“, so der
Allergologe Professor Schultze-Werninghaus.
1 Martins LM et
al.: Int Arch Allergy Immunol 2005; 136: 7-15
2 Figueroa et
al.: Allergy 2005; 60: 48-55
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